Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Tourismus – Unterstützung oder Hindernis ?

Zwei Schlagwörter dominieren aktuell die Arbeit im Schweizer Tourismus: Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Oftmals gehen sie losgelöst einher. Wo wirken digitale Lösungen in den Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit unterstützend? Dieses Thema diskutierten am 1. Juni 2023 über 110 Touristikerinnen und Touristiker anlässlich der Innotour-Veranstaltungsreihe «walk the talk» vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO in Champéry (VS). Die Erkenntnisse aus der Veranstaltung zeigen, dass die Tourismusbranche bereits heute zahlreiche digitale Lösungen nutzt, aber dass der gesamtheitliche Ansatz rund um die Customer Journey noch fehlt.

Die Innotour-Veranstaltungsreihe «walk the talk» vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO fand zum ersten Mal im Wallis statt. Durchgeführt wurde der Anlass in Kombination mit dem «Journées Digitourism» des Kanton Wallis. Mireille Corger-Lattion, Stv. Programmleiterin Innotour des Staatssekretariates für Wirtschaft SECO, eröffnete den «walk the talk» zum Thema «Natürlich. Digital. Nachhaltig.» in Champéry (VS). Durch die Veranstaltung mit der Rekordbeteiligung von 110 Teilnehmenden führte Yannick Barillon, freischaffende Journalistin und Juristin. An der Veranstaltung wurde intensiv darüber diskutiert, inwiefern die Digitalisierung in der nachhaltigen Entwicklung unterstützend wirken kann.

 

 

Digitalisierung in der Nachhaltigkeit: Unterstützung oder Hindernis?

Die Digitalisierung bietet zahlreiche Chancen zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele. Richtig umgesetzt kann die Digitalisierung Innovationen ermöglichen, wie beispielsweise in der gesellschaftlichen Teilhabe, bei der Mitarbeiterpartizipation oder der dekarbonisierten, ressourceneffizienten Kreislaufwirtschaft. Moderatorin Yannick Barillon fasste folgende Erkenntnisse zusammen:

  • Sensibilisieren & begleiten: Die Akteure innerhalb eines Tourismussystems sind stark vom Tagesgeschäft absorbiert, sodass wenig Zeit bleibt, um sich dem Thema Nachhaltigkeit in Kombination mit Digitalisierung zu widmen. Sich informieren, aber auch das gegenseitige Sensibilisieren darf nicht einmalig stattfinden, sondern muss ein fortwährender Prozess sein. Eine externe Unterstützung aufgrund der fehlenden Ressourcen hilft, die nachhaltigen Bestrebungen voranzutreiben.
  • Handlungsbedarf & handeln: Einzelbetriebliche Massnahmen sind gut, gemeinsame Massnahmen, welche die gesamte Customer Journey abdecken, noch besser. Eine der grössten Herausforderungen der Nachhaltigkeit liegt in der Mobilität (An- und Rückreise). Dies betrifft alle Leistungsträger in der Destination. Digitale Grundlagen helfen, um sich ein Gesamtbild zu verschaffen und den Handlungsbedarf einzugrenzen.
  • Ziele & Bedürfnisse: Wie lautet das Nachhaltigkeitsziel und wie kommt man dahin? Unrealistische Ziele wirken abschreckend, wenig ambitionierte Ziele demotivierend. Hier gilt es die richtige Flughöhe zu finden. Digitale Lösungen helfen, um die Zielerreichung konsequent zu verfolgen.
  • Investitionen & Kosten: Alle Massnahmen und Zielsetzungen sind mit Kosten und Investitionen verbunden. Die Komplexität und Initialkosten von digitalen Lösungen wirken oftmals abschreckend. Der «tiefmargige» Tourismus erlaubt keine teuren Versuchsballons. Nachhaltige Bestrebungen sollten daher im Verbund bewältigt werden.
  • In Wert setzen: Der grosse Einsatz von Ressourcen in die Nachhaltigkeit muss sich lohnen. Der ideologische Aspekt zählt, aber er reicht nicht. Hier kommt der Gast ins Spiel in Form seiner Präferenz für das nachhaltige Produkt, einer höheren Zahlungsbereitschaft oder positiven Bewertungen. Digitale Instrumente helfen, die Auswirkungen (z.B. durchschnittlicher RevPar, Trust You Score, etc.) zu belegen.
  • Kommunikation: Der vielleicht entscheidendste Punkt betrifft die Kommunikation aller Bemühungen – nicht nur gegenüber dem Gast, sondern auch gegenüber den Mitarbeitenden, der Politik oder der Bevölkerung. Das In-Wert-setzen funktioniert nur, wenn alle davon wissen. Der ehrlichen und glaubwürdigen Kommunikation wird noch zu wenig Bedeutung geschenkt.
 

Am «walk the talk» wurde das Thema anhand von den folgenden vier Innotour-Projekten diskutiert:

1. Bergbahnen: Einsatz von GPS-Systemen und Monitoring-Software
Das Projekt Sustainable Mountains der Summit Foundation aus Vevey (VD) unterstützt Bergbahnen darin, nachhaltiger zu werden. Das Skigebiet Les Portes du Soleil ist Pilotpartner. Diverse Massnahmen in den Bereichen Mobilität, Biodiversität, Energie sowie Abfallmanagement sind mit klaren Nachhaltigkeitszielen versehen. Technologien helfen vor allem dabei, den Energieverbrauch und CO2-Ausstoss zu reduzieren. GPSSysteme berechnen in den Pistenfahrzeugen die Schneehöhe und optimieren somit die Produktion der optimalen Schneemenge. Dabei wird der Kraftstoffverbrauch um zwischen drei und fünf Prozent gesenkt. Die Integration von Monitoring-Software bei den Transportanlagen trägt dazu bei, die Transportgeschwindigkeit zu regulieren. Allein die Reduktion der Fahrtgeschwindigkeit von fünf auf vier Metern pro Sekunde vermindert den Energieverbrauch um 20 Prozent.
https://www.summit-foundation.org/sustainable-mountains/

2. Klimaneutrale Destinationen: das digitale Monitoring der Mobilität
Der Weg zur klimaneutralen Destination zeigt das Innotour-Projekt der Fachhochschule Graubünden, myclimate sowie den Pilotdestinationen Davos, Arosa und Valposchiavo auf. Der Weg ist unterteilt in vier Module. Das erste umfasst die Berechnung des Klimafussabdrucks von der An- bis zur Rückreise. Dabei spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle. So zum Beispiel in der Eruierung der Mobilitäts- und Bewegungsdaten, bei der CO2-Bilanzierung oder der Erfassung von automatisierten Energiedaten. Nur diese fundamentalen Grundlagen erlauben konkrete Ziele zu setzen, das Monitoring sowie die Messung von Verbesserungen. Cornelia Rutishauser von myclimate schilderte dies anhand des Diamond Reports der Destination Davos.
https://blog.fhgr.ch/blog/klimaneutrale-destinationen-in-graubuenden/

3. Swiss Tours Surprises: touristische Angebote komplett digitalisieren
Morgane Pfefferlé, Gründerin von Travelise, hat in verschiedenen Regionen, wie Freiburg, Wallis oder Genf, sogenannte Überraschungsreisen entwickelt und in die Vermarktungsphase überführt. Kleinere Privatgruppen wie auch Firmen entdecken eine Region mit all ihren kulturellen, kulinarischen, aber auch sportlichen Facetten. Dabei kennt man das Tagesprogramm nicht im Voraus. Eine App begleitet und informiert die Reisende oder den Reisenden kurz vor Beginn der Reise über das anstehende Erlebnis. Dieses Angebot funktioniert komplett papierlos, bindet immer wieder neue wie auch saisonale Angebote ein und kann auch kleinere Nischenerlebnisse innerhalb der Destination miteinbeziehen.
https://travelise.ch/swiss-tours

4. Responsible Hotels of Switzerland: die Vielfalt an digitalen Lösungen
Die 40 führenden Hotelbetriebe in Bezug auf Nachhaltigkeit der Responsible Hotels of Switzerland sind in ihren Bestrebungen schon weit fortgeschritten. Sie alle sind durch ibex fairtstay zertifiziert und verfolgen konsequent den Weg der Nachhaltigkeit. Themen, wie die Reduktion von Food Waste, Plastik, des CO2-Ausstosses oder Energiebedarfs, gehören zur Tagesordnung. In diversen Bereichen helfen auch Technologien, wie Apps oder Monitoring-Instrumente, Fortschritte zu erzielen. So kooperieren einige Hotels mit unterschiedlichen Anbietern von technologischen Plattformen, wie beispielsweise kitro, Simon & Josef oder Beekeeper.
https://responsiblehotels.ch

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